28.12.2022
Boxen

„Meine Reise hat jetzt erst angefangen“

Anfang dieses Jahres wechselte Alexander Okafor zur Eintracht. In der Zeit hat der Boxer nicht nur viele Erfolge feiern können, sondern sich auch sportlich weiterentwickelt. Im Interview blickt er zurück.

Beginnen wir mit dem ersten größeren Ereignis des Jahres: Deinem Wechsel zu Eintracht Frankfurt. Möchtest du nochmal erzählen, wie es dazu gekommen ist?
Ich kenne Azze und Abi [Leiter der Boxabteilung, Anm. d. Red.] schon seit über zehn Jahren. Irgendwann haben wir uns auf einer Hessenmeisterschaft wiedergetroffen, bei der ich im Finale auch gegen einen Athleten der Eintracht geboxt habe. Genau zu dieser Zeit hatte ich überlegt, den Verein zu wechseln und Abi hat mich dazu ermutigt, zur Eintracht zu kommen. Ich habe lange darüber nachgedacht, weil ich meine Jungs in Darmstadt auch nicht verlassen wollte, aber letztlich bin ich sehr glücklich, dass ich diesen Schritt gegangen bin.

Was bedeutet es dir, für die Eintracht zu boxen?
Bei der Eintracht boxen viele Athleten, die jung und talentiert sind. Ich freue mich, auch ein Vorbild für diese Jungs sein zu können. Es ist superschön, zu sehen, was die Eintracht alles abseits von dem ist, was man über den Fußball mitbekommt. Die Eintracht ist mehr als ein Fußballverein. Auch wenn ich erst seit elf Monaten hier bin, fühlt es sich schon an wie eine Familie. Hierher zu wechseln war die beste Entscheidung meiner Boxkarriere.

Vieles von dem, was ich heute bin und was meine Karriere ausmacht, kam durch die Europameisterschaft.

Alexander Okafor.

Im März stand dann das erste sportliche Highlight an. Du bist für Deutschland bei der U22-EM in Kroatien angetreten. Wie lief das Turnier für dich?
Es war meine erste Europameisterschaft und die letzte im U22–Bereich. Ich bin superglücklich, dass ich Bronze holen konnte und sogar fast ins Finale gekommen wäre. Ich bin heute nicht mehr der Boxer, der ich noch bei der EM war, weil sich nach dem Turnier so viel für mich verändert hat. Durch die Bronzemedaille wurde ich noch motivierter, habe noch mehr Gas gegeben. Deshalb war die Meisterschaft ein großer Schritt für mich. Vieles von dem, was ich heute bin und was meine Karriere ausmacht, kam durch die EM.

Im Sommer hast du bei den Deutschen Meisterschaften in Heidelberg, vor deiner Familie und Freunden, Gold geholt. Wie war diese Erfahrung für dich?
Schon als ich mit dem Boxen angefangen habe, habe ich Bilder von Athleten mit dem Meistergürtel gesehen. Es war schon immer ein Traum von mir, diesen Gürtel zu tragen, darum ging es mir sogar noch mehr als um den Titel an sich. Ich bin in diese Meisterschaft aber auch mit einem neuen Mindset reingegangen. Ich habe mich international so stark gefühlt, dass ich innerlich wusste, dass mich national niemand besiegen kann. Genau deshalb bin ich mit so wenig Nervosität in den Wettkampf gegangen und hab einfach geboxt und Spaß gehabt.  Dadurch, dass meine Mutter dabei war, hat es sich auch nochmal anders angefühlt: Ich wollte sie stolz machen, weil sie mich seit Tag eins schon unterstützt und motiviert.

Kurz vor der Meisterschaft bist du auch offizieller Sportsoldat geworden. Was bedeutet das und was hat sich dadurch für dich verändert?
Ich habe dadurch etwas Festes im Leben. Ich muss nicht mehr schauen, wie ich neben dem Sport mein Geld verdiene, sondern habe eine Sicherheit. Dafür bin ich sehr dankbar. Die Entscheidung, Sportsoldat zu werden, ist mir nicht leichtgefallen, aber ich bin sehr froh, diese Chance als Athlet bekommen zu haben. Jetzt kann ich meinen kompletten Fokus auf den Sport legen und einfach nach vorne schauen.

Ich habe gemerkt, dass diese Gewichtsklasse für mich auf jeden Fall machbar ist. Am Ende ist es viel wichtiger, wie stark du im Kopf bist.

Alexander Okafor

Nach den Meisterschaften bist du in eine neue Gewichtsklasse gewechselt: Vom Cruisergewicht in die 92-Kg-Klasse. Was hat dich zu diesem Schritt bewegt?
Es war eine langfristige Entscheidung, die ich in Hinblick auf die Olympischen Spiele in Paris getroffen habe, weil es dort das Cruisergewicht nicht gibt. Ich musste mich zwischen der 80-Kg- und 92-Kg-Klasse entscheiden. Ich wusste, 80 Kg wird bei meiner Größe von 1,91 Metern schwer. Gleichzeitig habe ich nur 87 Kilo gewogen, deshalb hatte ich auch Zweifel, ob ich es in der 92-Kg-Klasse schaffe, weil es dort wirklich nicht leicht ist. Ich habe mit vielen Leuten gesprochen und letztlich meinte meine Mutter: „Alex, du hast eh nichts zu verlieren. Also geh hoch und schau einfach, wie es läuft.“

Wie liefen denn deine ersten Wettkämpfe in der neuen Gewichtsklasse?
Mein erstes Turnier in der Klasse war ein AIBA (Association Internationale de Boxe Amateure)-Turnier in Sarajevo, bei dem viele starke Athleten dabei waren. Ich war sehr nervös am Anfang, weil alle anderen viel breiter waren als ich. Aber beim ersten Kampf habe ich gemerkt, dass ich viel schneller und beweglicher als mein Gegner bin. Und das war bei allen Kämpfen während des Turniers so. Gleichzeitig hat mich diese Erfahrung mental so stark gemacht, dass ich auch gegen andere schnelle Boxer gewinnen konnte. Da habe ich gemerkt, dass diese Gewichtsklasse für mich auf jeden Fall machbar ist. Am Ende ist es viel wichtiger, wie stark du im Kopf bist.

Ein wichtiger Schritt in Hinblick auf das Ziel Olympia 2024 war der World Cup in Köln, wo du Silber geholt hast. Wie hast du das Turnier erlebt?
Beim World Cup waren unfassbar starke Boxer dabei, deshalb war ich anfangs und im Trainingslager vorher auch sehr nervös. Ich konnte im Trainingslager allerdings schon viel Selbstvertrauen sammeln, das ich auch in das Turnier mitgenommen habe. Nach dem ersten Sieg im Turnier hatte ich das Gefühl, dass ich alles schaffen kann. Im Finale habe ich sehr knapp verloren, aber durch das Turnier habe ich gemerkt, dass ich einer von den Besten werden kann. Ich habe gegen so viele Topathleten gewonnen und musste auch hinterher erstmal verarbeiten, was ich da alles geschafft habe. Das Turnier hat mich unheimlich gepusht.

Wie würdest du das Jahr 2022 in wenigen Worten beschreiben?
Ich habe durch dieses Jahr wirklich die Möglichkeit, bei Olympia anzutreten und meinen Traum wahr zu machen. Deshalb kann ich nach diesem Jahr ehrlich sagen: Meine Reise hat jetzt erst angefangen.

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